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Indianer sind eben "Naturkinder", "naiv",
man muss sie vor der bösen Welt beschützen. Natürlich ist es
amtlich, dass sie inzwischen die Wurzeln ihrer eigenen Kultur
durch das Reservationsleben fast vergessen haben, also muss man
ihnen wieder beibringen, sich wie richtige Indianer zu benehmen.
So reisen Jahr um Jahr nicht nur engagierte
Helfer und Indianerfreunde, sondern auch einige eifrige,
gutmeinende, allerdings auch etwas aufdringliche und zumindest ein
wenig taktlose Menschen in Indianerreservationen, sind
pflichtschuldigst entsetzt darüber, dass die Verhältnisse dort
sich erheblich von den Lebensformen unserer Breitengrade
unterscheiden, erkennen mit sicherem Blick die Schuldigen und
wissen auch, dass sich die Indianer natürlich völlig falsch
verhalten und erstmal wieder lernen müssen, "lndianer" zu sein.
Mit einem Lakota-Lehrbuch in der Hand
versuchen sie, den Indianern auf Pine Ridge oder Standing Rock zu
erklären, dass sie ihre eigene Sprache besser beherrschen müssen.
Sie wissen, wie die Indianer sich anziehen sollen - nicht TShirt
und Jeans, sondern traditionelle Kleidung. Und das Essen und den
Alltag können sie auch besser organisieren.
Dabei haben sie aus ihrer Sicht sogar nicht
mal Unrecht. Sie vergessen nur, dass Indianer nicht aus
irgendeinem alten Reisebuch gesprungen, sondern echte Menschen
sind, deren Kultur und vor allem Mentalität sich stark von der
unseren unterscheidet. Was wir für nötig und gut ansehen, sehen
sie noch lange nicht in derselben Weise, und auf unsere
Belehrungen können sie verzichten. Hilfe - ja, aber nicht mit
Vorträgen darüber, wie das indianische Leben auszusehen hat.
Es sind beileibe nicht nur die Europäer, die
falsche Indianerbilder von Generation zu Generation weiterreichen.
Die Amerikaner sind nicht besser.
Ein guter Freund von mir, Loren Yellowbird,
ein Arikara-Hidatsa von der Fort Berthold Reservation, arbeitet
als NationalparkRanger in Fort Union (North Dakota). Er ist ein
liebenswürdiger, humorvoller und lebhafter Mann, dessen
bronzefarbene Haut und pechschwarze Haare seine Herkunft belegen,
der aber meist die Uniform der Rangers trägt.
Augenzwinkernd erzählte er mir 2006 diese
Geschichte: Eine Lehrerin kam mit ihrer Schulklasse nach Fort
Union, um über die Geschichte des Pelzhandels informiert zu
werden. Eines der Kinder fragte: "Gibt es auch richtige Indianer
hier?" Ein anderes Kind deutete auf Loren Yellowbird, der ein
Namensschild an seiner Uniform trug, und bemerkte: "Das ist ein
richtiger Indianer. Sieh dir seinen Namen an."
Darauf mischte sich die Lehrerin ein und
sagte: "Nein, dass ist kein Indianer. Er ist nicht wie ein
Indianer angezogen."
Mir fiel die Kinnlade herunter, während
Yellowbird sich vor Lachen auf die Schenkel klopfte. So ist das:
Kleidung macht den Menschen, und den Indianer erst recht. Und wer
kein Wildleder trägt und keine Adlerfeder im Haar hat, kann
natürlich unmöglich ein Indianer sein.
Die Taktlosigkeit dieser Lehrerin war kaum
noch zu überbieten, aber es gibt zahllose kleine Verstöße gegen
die Etikette, denen auch wir uns als Besucher in Reservationen
schuldig machen, weil wir solche Vorstellungen nicht abschütteln
können. So fällt z. B. angesichts vieler hellhäutiger
Reservationsbewohner, die weiße Eltern- oder Großelternteile in
ihrer Familie haben, manchmal die Bemerkung: "Die sehen ja gar
nicht aus wie Indianer."
Wenn die Betroffenen das hören, ist das eine
schlimme Beleidigung.
Wie sieht ein Indianer aus? Wie Cooper ihn
beschrieben hat? Wie Karl May ihn dargestellt hat? Eben nicht. Es
gibt einige äußere Merkmale, aber auch diese sind nicht
einheitlich, und selbst dokumentarische Fotos, wie etwa von
Curtis, verfestigen nur eine Klischeevorstellung, die die
Wirklichkeit kaum einhalten kann.
Es gab und gibt natürlich die schlanken,
drahtigen, hochgewachsenen Gestalten mit bronzener Haut, markanten
Gesichtszügen und zwingendem Blick. Aber das sind Idealfiguren,
wie sie auch bei anderen Völkern selten sind. Und dann tragen die
Indianer heute im Alltag eben keine perlen- oder quillbestickten
Wildlederleggings mehr, und Adlerfedern stecken sie sich
allenfalls bei zeremoniellen Gelegenheiten ins Haar.
Wer ins Indianerland reist oder mit
Indianern zusammentrifft muss sich von all diesen Vorstellungen
frei machen. Das heißt nicht, den alten Kindheitstraum aufzugeben,
der einst Motivation und Inspiration war. Es bedeutet nur, sich
auf andere Menschen einzustellen, die ein Recht darauf haben, zu
leben, zu denken, sich zu kleiden und zu bewegen wie wir selbst.
Die nicht auf der Welt sind, um für uns als wandelnde
Museumsstücke herumzulaufen. Es geht darum, einer fremden Kultur
und den Menschen, die sie repräsentieren, mit Takt, Höflichkeit
und Anstand zu begegnen, nicht mit erhobenem Zeigefinger, nicht
mit der Erwartungshaltung, dass diese Menschen sich unseren
Vorstellungen anzupassen haben. Wir haben sie zu akzeptieren, wie
sie sind, dann werden wir auch von ihnen akzeptiert werden, und
wir werden Zugang zu einer Welt erhalten, die vielleicht nicht den
alten Klischees entspricht, die aber Erkenntnisse und Erfahrungen
bereithält, die uns bereichern.
Dietmar Kuegler |